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Fitness Mach den Hampelmann
Keuchen unter der Siegessäule: Das Fitness-Bootcamp in Berlin setzt auf gesunde Härte.
Die Zeit schreibt:
Bin ich stark genug für diesen Sommer? Bevor er richtig anfängt, werde ich dreißig. Ist das nicht die Zeit, in der man über Lebensfragen wie Joggen oder Nichtjoggen neu nachdenkt? Figurtechnisch könnte man meinen, ich würde jeden Morgen freudestrahlend die Alster umrunden, aber das sind nur die Gene. Ich gehe lieber ein-, zweimal die Woche zum Yoga und omme ein wenig vor mich hin. Aber hält Ommen fit? Der Besuch im Bootcamp soll Aufschluss geben.
© Sabine Gudath für DIE ZEIT

Samstag, 16 Uhr, Berlin. Die Sonne scheint, es windet stark, die Haare sitzen nicht. Am Volkspark Humboldthain begrüßt mich die Trainerin Katrin. Sie hatte nach längeren USA-Reisen die Idee, das Bootcamptraining nach Deutschland zu holen, wenigstens dem Namen nach. Anstelle des harten Drills, der dort kriminelle Jugendliche resozialisieren soll, verkauft sie ein etwas verschärftes Fitnesstraining für Einzelne oder in der Gruppe. Ich bekomme drei Tage Intensivbetreuung, zwei individuelle Stunden und dann ein Gruppentraining. Katrin hat rote Haare, trägt zwei kleine orangefarbene Hanteln, und ihre Augen sind von einem Blau, das mir ein wenig stechend vorkommt. Gleich zur Begrüßung sagt sie: »Ich mag die harten Übungen.«
Immerhin ist die Waage noch auf meiner Seite. Körperfettanteil: 20,6 Prozent. Das ist laut Katrin »super«. Der Muskelanteil: mit 32,2 Prozent »schon ganz gut, aber durch deine zukünftigen Übungen steigerbar«. Wir joggen locker los. Dabei redet Katrin unentwegt, was wohl als geschickte Ablenkung gedacht ist: über Berlin, ihre Kunden und die verweichlichten Deutschen, die Angst vor hartem Training haben. Die ersten Minuten gehen dabei noch ganz flockig von den Füßen. Einen gefühlten Halbmarathon später, vorbei an vielen grünenden Birken, machen wir halt auf einer Wiese, auf der ein Stock und ein großer Baum meinen Exerzierplatz markieren. Ein wenig komme ich mir vor wie ein Hund auf einem dieser Erziehungsparcours. Katrin hopst los, ich hinterher. Knie in die Höhe, Arme hoch, locker zurücklaufen. Dann seitliche Hopser, Arme oben zusammenklatschen. Und wieder zurück.
Das klingt spaßig und sieht auch so aus. Eine kugelrunde Türkin mit ihrem kleinen Sohn macht spontan mit, alles an ihr hüpft, und sie jauchzt dabei vor Freude. Es ist aber gar nicht spaßig. Ich fange an zu schnaufen. Kleine, kurze Trippelschritte. Wieder zurück. Fersen an den Hintern. Wieder zurück. Ausladende In-die-Knie-geh-Schritte. Wieder zurück. Langsam wird mir schlecht. »Der Kreislauf«, sagt Katrin, und ich darf einen Moment locker auf der Stelle trippeln. Bevor sie mich wieder auf den Laufweg scheucht, noch mal quer durch den Park und zurück, dieses Mal mit den Hanteln. Dann den Berg hoch zur Bunkeranlage, wo ich den Anfang einer sehr langen Treppe sehe. Hrmpf. Aber Katrin kennt kein Mitleid. »Hab ich da was gehört? Komm, Treppe rauf, du schaffst das.« Ich erbitte mir ein Taschentuch aus ihrem Rucksack. Dummerweise hat Katrin ein gutes Gespür für den Unterschied zwischen echtem Leid und Pauseschinden. »Taschentuch in die Hose stecken«, empfiehlt sie knapp.
Auf dem ehemaligen Flakturm darf ich für einen Augenblick die Aussicht auf Berlin genießen. Ehe ich mich orientiert habe, laufen wir weiter zu einer Bank, auf die ich mich gerne setzen würde. Stattdessen soll ich darauf halbe Liegestützen machen. Und Beinstrecker zur Seite. Katrin holt eine kleine Matte aus der Tasche, die mich daran erinnert, wie schön es im Yoga ist, zwischen den Übungen zu entspannen. Aber davon hält Katrin nicht so viel. Man müsse da eine gewisse Härte gegenüber den Kunden zeigen, sagt sie. Alle Muskeln, die bislang verschont blieben, werden jetzt zum Einsatz gebeten. Allerdings verweigern manche den Dienst. Mittlerweile habe ich eine ungesunde Gesichtsfarbe und eine hochrote Stirn. Dann ist es vorbei. Ich liege platt auf der Matte.
Sonntagmorgen, halb neun. Ich hab es in den Tiergarten geschafft – mit dem Taxi. Katrin macht einen sehr wachen Eindruck. Und natürlich will sie erst mal wieder laufen, diesmal der Siegessäule entgegen. »Heute ein bisschen lockerer, damit du morgen nicht umfällst«, sagt sie. Ich renne wieder auf einer Wiese hin und her, dieses Mal auf Pfeifkommando. Es gibt auch andere Menschen, die um diese Uhrzeit durch den Tiergarten laufen, aber sie tun es aus eigenem Antrieb und gucken, als hätten sie Spaß.
Das mit dem »bisschen lockerer« hatten meine Bauchmuskeln anders verstanden. Die Beine über der Lehne einer Bank, hänge ich mit dem Kopf in der Luft und soll mit dem Oberkörper nach oben. Zehn nach vorn, zehn nach rechts, zehn nach links. Es fühlt sich nicht gut an. Wieder joggen. Katrin sagt mir, was für eine überraschende Laufkondition ich doch habe. Das ist didaktisch geschickt, ich merke, wie ich meine letzten Reserven mobilisiere. Immerhin gibt es nach dem Frühsport ein Frühstück und ein allgemeines Fitness-Assessment. Ergebnis: Richtig schlecht ist es nicht um mich bestellt, aber ein bisschen mehr Muskelaufbau und Ausdauer könnten nicht schaden.
Der Montagmorgen ist hart. Ich fühle mich so unfit wie selten. Muskeln ziepen, die Knochen auch, vielleicht kann ich das aber auch nicht mehr so richtig unterscheiden. Um mich an den Schreibtisch zu setzen, muss ich mich an der Tischkante abstützen. Am Abend erwartet mich das Abschlussgruppentraining bei Samuel. Das Bootcamptraining lockt alle möglichen Menschen an: Frauen, die gerne ihren Körper unter freiem Himmel straffen, und Männer, denen das Fitnessstudio zu steril ist. Trainer Samuel hat Augen wie Zartbitterschokolade und macht alle möglichen Kampfsportarten, bei denen außer Beißen so ziemlich alles erlaubt ist. Samuel läuft offenbar nicht gerne, was ich sympathisch finde. Wir joggen nur kurz zu einer Wiese. Dort machen wir dann alle gemeinsam den Hampelmann. Intervalltraining. Samuel boxt währenddessen in die Luft. Sit-ups. Kniebeugen. Hampelmann. Eine Minute auf der Stelle die Knie nach oben. Wieder Hampelmann. »Die Füße weiter auseinander«, ruft Samuel, wenn der Hampelmann auf der Stelle tritt. Ich finde ihn überhaupt nicht mehr sympathisch. Es folgen sehr viele weitere Hampelmannphasen, bis meine Füße sich nur noch wie große Bleibrocken am Ende meiner Beine anfühlen. Ich kann einen Regenwurm gerade noch vor dem sicheren Tod retten. Auf der Wiese lassen sich zwei Punks nieder, die uns mit Interesse betrachten und rhythmisch rülpsen, was im Bootcamp sicher als angemessene Anfeuerung durchgeht.
Bei der Hopsübung hält man ein Bein des Sportpartners fest, was für meine Partnerin gleichzeitig eine Dehnübung ist, weil sie zwei Köpfe kleiner ist als ich. Als Nächstes sollen wir uns auf den Boden legen, die Beine hoch und unsere Hintern abwechselnd nach rechts und links bewegen. Eine Übung, die sicher um einiges schöner anzusehen ist, als es sich anfühlt, sie zu machen. Dann darf einer auf dem Boden liegen bleiben, und der andere soll über seine Beine springen. »Ohne Zwischenhopser«, ermahnt mich Samuel, der sich offenbar wenig um die körperliche Unversehrtheit meiner Mitsportlerin sorgt. Ein Kanadier aus unserer Gruppe muss wegen eines angeblich verletzten Zehs pausieren und betrachtet andächtig seine langbeinige Freundin, wie sie graziös über Beine hüpft. Die beiden sind Jongleure und daher wahrscheinlich motorisch im Vorteil. »Is there a German word for gazelle?«, fragt er. Ich bin froh, dass er nicht mich anguckt und sich erkundigt, ob es ein deutsches Wort für tattered grasshopper gibt.
Als Nächstes dürfen wir auf allen vieren achtmal eine Acht um zwei Partner herumkrabbeln. Schwarze Erde schiebt sich unter die Fingernägel, nach der dritten Runde möchte ich nicht mehr, nach der achten Runde dreht sich alles, jetzt fühle ich mich wirklich wie im Strafgefangenenlager. »Denkt an eure Sixpacks«, ruft Samuel. Das ist wenig motivierend. Ich bin bald dreißig, unverheiratet und plane nicht, Männer mit einem Sixpack, wie sie es selbst gerne hätten, in die Flucht zu schlagen.
Letzte Runde: Hindu-Push-ups. Es wird wider Erwarten kurz romantisch. Ein paar Jugendliche rauchen neben den rülpsenden Punks auf der Wiese Haschisch, der Rauch weht zu uns und übertüncht den Schweißgeruch. Beim langsamen Absenken der Nase zur Erde küsse ich einen zweiten Regenwurm. Wir haben es beide überlebt.
Fitness-Bootcamp Berlin, Tel. 0170/1286471, www.fitness-bootcamp-berlin.de. Probestunde kostenlos, Einzelstunde 9,50 Euro, Personal Bootcamp auf Anfrage |